Virtualität trifft Realität 1



Das Internet-Projekt mit dem Arbeitstitel „Der virtuelle Würstelstand“ war ursprünglich nur ein Zufallsprodukt. Doch das Leben schreibt bekanntermaßen viele Zufälle. Wie begann also alles .

Wieder einmal vollkommen ins Grübeln vertieft, nicht um des Grübelns willen, sondern vielmehr mit dem Willen zu grübeln, saß ich vor meinem einzigen echten Freund, meinem Laptop. Ja, mein Laptop und ich, eine Symbiose aus Wirklichkeit und irrealer Welt. Liebevoll und zärtlich von mir als „Blechtrottel“ tituliert, gibt er mir mittlerweile alles, was sich ein Mann nur wünschen kann. Will ich, oder besser gesagt meine Frau, wissen, wo um alles in der Welt der Sommerschlußverkauf demnächst seine kannibalischen Zelte aufschlägt, ein leiser Druck auf die Return-Taste und schon werde ich mit Informationen überhäuft, erschlagen, förmlich virtuell ertränkt. Die Tochter möchte im Vorbeigehen erfahren, wo die neueste CD von Plastilin Hammerschlag oder wie diese Gruppe heißt, zu ergattern ist, ein kurzer Drücker bis zum Druckpunkt und auch dieses Problem ist gelöst. Und wenn ich selbst auf der Suche über mich selbst bin, mein Gott, was weiß dieser Blechtrottel alles über mich. Der weiß schon mehr über mich, als ich jemals über mich wissen werde. Aber ich schweife wieder einmal ab.

Also, die Überlegung war folgende. Das Medium Internet als Teil unseres täglichen Lebens und in besonderem Maße Miteinander-Lebens löst immer mehr real existierende soziale Kontake ab. Soziale Vernetzung, wie sie noch bis vor etwa fünf, maximal zehn Jahren an der Tagesordnung stand, gibt es nicht mehr. Die Menschen haben mittlerweile ihre Kommunikationstechniken und demzufolge auch ihr Bedürfnis nach Kommunikation den veränderten Gegebenheiten angepasst. Wo früher durch einen kurzen Telefonanruf oder Besuch Informationen ausgetauscht wurden, findet diese Art des verbalen Gedankenaustausches und oft schon verbaler Angriffe auf einer anderen, einer virtuellen Ebene statt.

Und genau dieses Nutzen neuer Techniken birgt vielerlei neue Wege, aber ebenso Gefahren des neuen Miteinanders. Das Ausschließen der persönlichen, der Von-Angesicht-zu-Angesicht-Kommunikation läßt die Hemmschwellen sinken, die Bereitschaft zu verbaler Gewalt wird sicherlich in bisher noch immer unterschätztem Maße steigen. Dieses Auslagern der Realität in eine neue. ich will es reale Virtualität nennen, zwingt sowohl den Nutzer, aber in höchstem Maße die Betreiber dieser virtuellen Plattformen und sozialen Netzwerke zu erhöhter Selbst- und Fremdkontrolle. Wo früher durch das tägliche wirkliche Aufeinandertreffen von Menschen Streitgespräche oder in weiterer Folge sogar körperliche Gewaltbereitschaft durch die Intervention Dritter oftmals gepuffert wurde, fällt dieser Faktor im Internet vollkommen weg. Wo andere Menschen beruhigend auf die Streithähne einwirken konnten, wo sich Konfrontationen durch Präsenz lösen ließ, stehen heutige Streitparteien räumlich getrennt einander gegenüber. Die Ressource Mensch als möglicher Mediator zwischen verbalen und physischen Entgleisungen wird abgeschafft und durch eine Breitbandverbindung ersetzt, welche Daten ohne weitere Überprüfung und Hinterfragen überträgt. Ein Gegner dieser Kritik wird mit dem Argument der Account-Sperrung von allzu bösartigen, verbalen Entgleisungen eines Teilnehmers kommen, ich glaube aber, bevor es zu einer solchen virtuellen Notbremsung  kommt, wurden bereits Dinge gesagt respektive geschrieben, welche so nicht mehr rückgängig zu machen sind. Wo das menschliche Gehirn Gesagtes vergeben, vergessen und vielleicht auch wieder verdrängen kann, die Krake Internet funktioniert wesentlich erbarmungsloser und dementsprechend effektiver, weil langfristiger. Dieses Gehirn aus milliardenfach vernetzten Bildschirmen und Tastaturen funktioniert schonungslos und ist erbarmungslos in seiner Offenheit, die Umwandlung oder besser Transformation unserer niedergeschriebenen Gedanken in Bites und Bytes können nur in den seltensten Fällen unter Verschluss gehalten werden. Die Produkte unserer geistigen Ejakulationen sind immer und überall abrufbar, für jeden ersichtlich an jedem Punkt unserer virtuellen Welt.

Warum aber nun das bereits erwähnte Projekt „virtueller Würstelstand“ , wo doch scheinbar nur Nachteile mit dem Medium Internet verbunden sind ? Warum sich an einem nicht-existenten Treffpunkt einfinden, wo doch jedes Wort protokolliert wird ? Es ist eben diese Verlagerung menschlicher Kommunikation auf eine andere, eine transformierte Ebene des Zusammentreffens von menschlichen Individuen, welche in mir diese Idee reifen ließen. Natürlich gibt es mittlerweile genügend soziale Netzwerke, welche diesen Zweck des Meinungsaustausches und Gehört-werdens wesentlich besser erfüllen. Doch diese Plattformen wurden primär mit dem Gedanken ins Leben gerufen, eine reine virtuelle Welt mit virtuellen Teilnehmern und daran gekoppelten Avataren zu sein und auch zu bleiben. Jeder soll und will sich seinen Chat-Partnern im besten Licht, in den schönsten Farben, mit den positivsten Eigenschaften präsentieren. Informationen sind abrufbar, Avatare werden zu virtuellen Substituten des realen Menschen dahinter, Schein und Sein verwischen und verschwimmen zu einer Wunschvorstellung, jeder Einzelne stellt sich so auf den Präsentierteller, wie es ihm beliebt, wie es Idole aus den Medien vorgeben und deren Charaktereigenschaften für das eigene Ich geprüft wird und als akzeptiert gelten. Meine kleine Plattform schlägt sicherlich in dieselbe Kerbe, doch es wird für mich interessant zu beobachten sein, wie sich eine Auslagerung einer tatsächlichen Institution, in diesem Falle eines Würstelstandes, auf eine rein von Virtualität umspülte Wirklichkeit entwickelt.

Vielleicht ist es in näherer oder ferner Zukunft sogar einmal möglich, daß sich dann die virtuellen Gesprächspartner in der realen Welt, an einem realen Würstelstand treffen werden. Vielleicht kann die ursprüngliche Funktion des Begriffes Würstelstand wieder zu „richtigem“ Leben erweckt werden, fernab einer Virtualität, die Gedankliches nur noch in hexadezimalen Fiktionen speichert.

               


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Kommentar erstellen