Bio Natur - Der Weblog

31.8.2009

Stur wie ein Esel

Abgelegt unter: Tierisches — Paul Boegle @ 01:03


Wurden Sie schon einmal mit dieser tierischen Eigenschaft bezeichnet bzw. hat Ihnen schon ein Ihnen wohlgesonnener Artgenosse dieses freundlicherweise gesagt ? Dann gebe ich Ihnen den guten und wohlgemeinten Rat: Seien Sie stolz darauf und bedanken Sie sich für dieses Kompliment ! Denn was gibt es Schöneres als mit dieser hervorragenden Eigenschaft diesen grauen Schreihalses in Verbindung gebracht zu werden.

Sie glauben mit nicht ? Sie sind ebenso der irrigen Meinung, daß diese sprichwörtliche Sturheit des Esels ein Manko dieses vierbeinigen Zeitgenossen ist ? Mitnichten, nein, ganz sicher nicht ! Denn gerade dieses Stursein ist vielmehr ein Zeichen eines vorsichtigen und bedachten Durch-das-Leben-gehen. Ein Esel stellt erst dann auf stur, wenn er der eselhaften Meinung ist, daß dies für sein Eselsleben von Nachteil sein könnte. Und da der Esel und seine Vorfahren schon seit mehr als 6000 Jahren eine Zweckgemeinschaft mit dem Menschen eingegangen sind, werden sie es wohl besser wissen. Ein Esel ist anders wie das Pferd kein typischer Bewohner flacher Steppen, Graslandschaften und Savannen. Er liebt das Gebirge mit all seinen Steinen, riesigen Felsblöcken, schmalen Pfaden, Schluchten und steilen Abhängen. Und deswegen ist ein Esel auch kein Fluchttier, welches durch hohe Geschwindigkeit seinen Fressfeinden zu entkommen versucht. Natürlich, 50 km/h spitze sind auch nicht zu verachten, aber was nützt dies im Gebirge ?

Deshalb wählt Herr und natürlich auch Frau I-A einen anderen Weg, den sprichwörtlich sicheren Weg. Der Mensch nutzt den Esel schon seit Jahrtausenden als Last-, Packtier und Reittier, er dient ihm als Transportmittel und, eine ganz interessante Sache, als Frühwarnsystem gegen Raubtiere. Dieser treue Weggefährte verrichtet klaglos seine Dienste, genügsam in seinen Ansprüchen, solange, ja solange er dem Menschen vertrauen kann. Wie gesagt, solange er dem Menschen dahingehend vertrauen kann, daß dieser den richtigen, den für das Eselsleben sicheren Weg wählt. Aber wehe, er ist der Meinung, der Weg könnte ihn in den Abgrund führen, könnte Schluß machen mit seinem Eseldasein, mit seinem beschaulichen Eselleben. Dann sagt er sich so ganz bei sich und im eselsgeheimen: “So, bis hierher, aber keinen Schritt weiter ! Wie kann dieser Esel auf zwei Beinen glauben, daß ich auf diesem Weg, nein auf diesem Höllenpfad weitergehe. Die Vorsicht ist der Esel der Porzellankiste !” Denn die Vorsicht ist die große Stärke des Esels, nicht die ihm oft nachgesagte Charaktereigenschaft der Sturheit. Der Mensch in seiner unendlichen Arroganz sollte diese beiden Dinge nicht miteinander verwechseln. Esel arbeiten gerne und Esel arbeiten viel, aber nur auf freiwilliger Basis. Und als Grundlage für dieses Miteinander dient das Vertrauen. Fühlt sich der Esel vom Menschen hintergangen, sagt er ganz einfach stopp. Und dann beginnt der Esel mit dem, was er eigentlich vom Menschen erwartet: Er denkt nach. Er sucht sich selbständig Lösungsmöglichkeiten und erst wenn er der Meinung ist, die Lösung läßt sich mit seinem Naturell der Vorsicht vereinbaren, dann sagt er weiter.

Es wäre wünschenswert, wenn sich der Mensch nicht immer um seine eigenen Belange kümmern würde, so manches Mal wäre etwas mehr Respekt vor der Natur, vor der Kreatur, sicherlich angebracht. Es ist zwar wunderschön, wenn sich die Menschen als die höchste Schöpfung Gottes betrachten, aber der Esel als Stellvertreter für Vorsicht und gesundes Mißtrauen denkt in diesem Punkt ein bisschen anders. Wenn Sie also wieder einmal als sturer Esel bezeichnet werden, freuen Sie sich, als vorsichtiger Mensch angesehen zu werden und tun Sie mir einen Gefallen: Sagen Sie ganz einfach “Danke”.         

24.8.2009

Virtualität trifft Realität

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 20:38


Das Internet-Projekt mit dem Arbeitstitel “Der virtuelle Würstelstand” war ursprünglich nur ein Zufallsprodukt. Doch das Leben schreibt bekanntermaßen viele Zufälle. Wie begann also alles .

Wieder einmal vollkommen ins Grübeln vertieft, nicht um des Grübelns willen, sondern vielmehr mit dem Willen zu grübeln, saß ich vor meinem einzigen echten Freund, meinem Laptop. Ja, mein Laptop und ich, eine Symbiose aus Wirklichkeit und irrealer Welt. Liebevoll und zärtlich von mir als “Blechtrottel” tituliert, gibt er mir mittlerweile alles, was sich ein Mann nur wünschen kann. Will ich, oder besser gesagt meine Frau, wissen, wo um alles in der Welt der Sommerschlußverkauf demnächst seine kannibalischen Zelte aufschlägt, ein leiser Druck auf die Return-Taste und schon werde ich mit Informationen überhäuft, erschlagen, förmlich virtuell ertränkt. Die Tochter möchte im Vorbeigehen erfahren, wo die neueste CD von Plastilin Hammerschlag oder wie diese Gruppe heißt, zu ergattern ist, ein kurzer Drücker bis zum Druckpunkt und auch dieses Problem ist gelöst. Und wenn ich selbst auf der Suche über mich selbst bin, mein Gott, was weiß dieser Blechtrottel alles über mich. Der weiß schon mehr über mich, als ich jemals über mich wissen werde. Aber ich schweife wieder einmal ab.

Also, die Überlegung war folgende. Das Medium Internet als Teil unseres täglichen Lebens und in besonderem Maße Miteinander-Lebens löst immer mehr real existierende soziale Kontake ab. Soziale Vernetzung, wie sie noch bis vor etwa fünf, maximal zehn Jahren an der Tagesordnung stand, gibt es nicht mehr. Die Menschen haben mittlerweile ihre Kommunikationstechniken und demzufolge auch ihr Bedürfnis nach Kommunikation den veränderten Gegebenheiten angepasst. Wo früher durch einen kurzen Telefonanruf oder Besuch Informationen ausgetauscht wurden, findet diese Art des verbalen Gedankenaustausches und oft schon verbaler Angriffe auf einer anderen, einer virtuellen Ebene statt.

Und genau dieses Nutzen neuer Techniken birgt vielerlei neue Wege, aber ebenso Gefahren des neuen Miteinanders. Das Ausschließen der persönlichen, der Von-Angesicht-zu-Angesicht-Kommunikation läßt die Hemmschwellen sinken, die Bereitschaft zu verbaler Gewalt wird sicherlich in bisher noch immer unterschätztem Maße steigen. Dieses Auslagern der Realität in eine neue. ich will es reale Virtualität nennen, zwingt sowohl den Nutzer, aber in höchstem Maße die Betreiber dieser virtuellen Plattformen und sozialen Netzwerke zu erhöhter Selbst- und Fremdkontrolle. Wo früher durch das tägliche wirkliche Aufeinandertreffen von Menschen Streitgespräche oder in weiterer Folge sogar körperliche Gewaltbereitschaft durch die Intervention Dritter oftmals gepuffert wurde, fällt dieser Faktor im Internet vollkommen weg. Wo andere Menschen beruhigend auf die Streithähne einwirken konnten, wo sich Konfrontationen durch Präsenz lösen ließ, stehen heutige Streitparteien räumlich getrennt einander gegenüber. Die Ressource Mensch als möglicher Mediator zwischen verbalen und physischen Entgleisungen wird abgeschafft und durch eine Breitbandverbindung ersetzt, welche Daten ohne weitere Überprüfung und Hinterfragen überträgt. Ein Gegner dieser Kritik wird mit dem Argument der Account-Sperrung von allzu bösartigen, verbalen Entgleisungen eines Teilnehmers kommen, ich glaube aber, bevor es zu einer solchen virtuellen Notbremsung  kommt, wurden bereits Dinge gesagt respektive geschrieben, welche so nicht mehr rückgängig zu machen sind. Wo das menschliche Gehirn Gesagtes vergeben, vergessen und vielleicht auch wieder verdrängen kann, die Krake Internet funktioniert wesentlich erbarmungsloser und dementsprechend effektiver, weil langfristiger. Dieses Gehirn aus milliardenfach vernetzten Bildschirmen und Tastaturen funktioniert schonungslos und ist erbarmungslos in seiner Offenheit, die Umwandlung oder besser Transformation unserer niedergeschriebenen Gedanken in Bites und Bytes können nur in den seltensten Fällen unter Verschluss gehalten werden. Die Produkte unserer geistigen Ejakulationen sind immer und überall abrufbar, für jeden ersichtlich an jedem Punkt unserer virtuellen Welt.

Warum aber nun das bereits erwähnte Projekt ”virtueller Würstelstand” , wo doch scheinbar nur Nachteile mit dem Medium Internet verbunden sind ? Warum sich an einem nicht-existenten Treffpunkt einfinden, wo doch jedes Wort protokolliert wird ? Es ist eben diese Verlagerung menschlicher Kommunikation auf eine andere, eine transformierte Ebene des Zusammentreffens von menschlichen Individuen, welche in mir diese Idee reifen ließen. Natürlich gibt es mittlerweile genügend soziale Netzwerke, welche diesen Zweck des Meinungsaustausches und Gehört-werdens wesentlich besser erfüllen. Doch diese Plattformen wurden primär mit dem Gedanken ins Leben gerufen, eine reine virtuelle Welt mit virtuellen Teilnehmern und daran gekoppelten Avataren zu sein und auch zu bleiben. Jeder soll und will sich seinen Chat-Partnern im besten Licht, in den schönsten Farben, mit den positivsten Eigenschaften präsentieren. Informationen sind abrufbar, Avatare werden zu virtuellen Substituten des realen Menschen dahinter, Schein und Sein verwischen und verschwimmen zu einer Wunschvorstellung, jeder Einzelne stellt sich so auf den Präsentierteller, wie es ihm beliebt, wie es Idole aus den Medien vorgeben und deren Charaktereigenschaften für das eigene Ich geprüft wird und als akzeptiert gelten. Meine kleine Plattform schlägt sicherlich in dieselbe Kerbe, doch es wird für mich interessant zu beobachten sein, wie sich eine Auslagerung einer tatsächlichen Institution, in diesem Falle eines Würstelstandes, auf eine rein von Virtualität umspülte Wirklichkeit entwickelt.

Vielleicht ist es in näherer oder ferner Zukunft sogar einmal möglich, daß sich dann die virtuellen Gesprächspartner in der realen Welt, an einem realen Würstelstand treffen werden. Vielleicht kann die ursprüngliche Funktion des Begriffes Würstelstand wieder zu “richtigem” Leben erweckt werden, fernab einer Virtualität, die Gedankliches nur noch in hexadezimalen Fiktionen speichert.

               

19.8.2009

Biologisch ist bio, logisch !

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 03:24


Ich bin wieder einmal wie so oft in meinem Leben ins Grübeln gekommen. Sie werden jetzt ins Grübeln kommen, warum ich wieder einmal ins Grübeln kam, weil ich mittlerweile sowieso fast nur noch grüble (oder heißt es grübele). Grund meiner zwanghaften Grübelei war dieses Mal ein völlig unscheinbares, kaum wahrnehmbares sechseckiges Zeichen. Nein, liebe Autofahrer, die Stoptafeln haben acht Ecken, also die brachten mich nicht in diese zwanghafte Lage. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, eigentlich bringen mich diese Stoptafeln schon ins Grübeln. Denn bei längerem Nachdenken fragt sich der überzeugte Fußgänger, und zu dieser seltenen Spezies mobiler Homo sapiens zähle ich mich, warum also heißen die eigentlich so, wenn keiner stoppt. Und wenn dann doch der seltene Fall eintritt, dass sich einer von der Konkurrenz, also ein sogenannter superior mobiler Homo sapiens oder auch Autofahrer genannt, dazu entscheidet, dem Gebot Stop Folge zu leisten, dann auch nur aus dem fadenscheinigen Grund, einen anderen von der gleichen Sippe zu beflegeln, weil eben der dem Gebot Stop nicht Folge geleistet hat. Aber stopp, das ist wieder ein ganz anderes Thema.

Also, zurück auf Start. Übrigens komme ich so geradewegs schon wieder ins Grübeln. Waren eigentlich die Hotels oder die Häuser bei Monopoly rot ? Ich glaube, die Hotels waren rot und die Häuser waren grün. Aber das passt besser in meine Kindheitserinnerungen. Was aber viel besser zum Thema passt, ist der Umstand, dass ich das Wort grün erwähnt habe. Denn das war der eigentliche Grund, der mich ins Grübeln brachte.

Ich saß wieder einmal vollkommen gelangweilt im Wohnzimmer, Frau und Kind waren dort, wo ich nicht hinwollte, nämlicherweise im Shopping-Center. Die Sonne schien, der Garten schrie nach Wasser, die Katze war in keinster Weise bereit, mir ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Gut, ich ließ die Sonne scheinen, den Garten schreien und die Katze Katze sein. Und dann hatte ich endlich mein Problem, mein ganz persönliches, kleines Problem, das es zu lösen galt. Nicht, dass Sie jetzt glauben, ich grübelte so lange, bis ich endlich etwas zum Grübeln hatte. Nein, das Grübeln stellte sich von selbst ein, denn ich las auf einer Verpackung für ein Gewürz folgendes: “Bio nach EG-Öko-Verordnung”. Welch göttliche Fügung, welch Wink des Schicksals. Warum allerdings das Gewürz überhaupt auf dem Wohnzimmertisch stand, weiß ich bis heute nicht. Ich werde demnächst Frau oder Kind fragen, allerdings weiß ich nicht, in welchem Shopping-Center die beiden campieren. Und die Katze bestreitet vehement, das Gewürz zu benutzen. Nun gut, ich las also “Bio nach EG-Öko-Verordnung”. Auf einem Gewürz, einem von der Natur geschaffenen Produkt, also biologischer Art, also Bio, logisch. Oder doch nicht so logisch ? Warum werden Produzenten biologischer Güter in unserer heutigen Zeit gezwungen, etwas speziell so zu kennzeichnen, was eigentlich keiner weiteren Erklärung bedarf ? Warum muß ein Bauer auf seine Eier “Bio nach…” schreiben, wo doch jedes Kind, ausgenommen natürlich die Stadtkinder, weiß, daß die Henne ein natürliches Federvieh ist, welches natürliche, vollkommen biologische Eier legt. Warum müssen Kartoffeln mit “Bio nach…” gekennzeichnet werden, wo doch jeder vernünftige Mensch weiß, ausgenommen natürlich diejenigen, die Gentechnik als biologisch bezeichnen, daß die Kartoffeln aus dem Bauch von Mutter Natur kommen.

Es sollte doch logisch sein, daß bio biologisch ist, auch ohne dieses Biosiegel. Für mich unlogisch, daß biologisch also bio deklariert werden muß. Oder leben wir doch schon in einer anderen, nicht mehr ganz so heilen, weil unlogischen Welt ? Einer Welt, in der sich Unbedenklichkeit und Vertrauen in gesunde und natürliche Produkte auf ein unscheinbares sechseckiges Siegel reduziert. Ich glaube einfach, ich hinke meiner Zeit weiter hinterher. Einerseits, weil dieses Sechseck seit 2009 nun zu einem Kreis  mutiert ist, einem wunderschönen runden Kreis, logisch, ein Kreis muß rund sein, auch wenn er nichts mit Bio zu tun hat. Schon eine runde Sache, so ein rundes Biosiegel, ganz ohne Ecken und Kanten, so wollen wir Verbraucher das, Bio muß in unserer Gesellschaft unangreifbar sein, am besten versiegelt unter dem Deckmantel eines Gütesiegels. Und andererseits bin ich immer noch der Meinung, daß meine eigenen Tomaten in unserem eigenen kleinen Garten einfach anders schmecken. Obwohl, wenn ich es recht bedenke, so ein eigenes kreisrundes Biosiegel wäre gar nicht so schlecht, vielleicht mit der Aufschrift “Made bei Mutter Natur”.

Übrigens, die Sonne scheint wieder, die Katze ignoriert mich immer noch, nur mein kleiner Garten schreit nicht mehr, denn zwischendurch hat es geregnet, die Natur hat sich wieder einmal als mein bester Verbündeter erwiesen, wenn es darum geht, eigene Tomaten zu ernten, ganz ohne Biosiegel, aber mindestens genauso kreisrund.

Und ich bin schon wieder am Grübeln. Meine beiden Liebsten sind vom Shoppen zurück und jetzt muß ich darüber nachdenken, wo die vielen neuen Dinge Platz finden sollen. Ach ja, die beste Ehefrau stellte sich und damit auch mir die Frage, warum um alles in der Welt die Gewürznelken im Wohnzimmer stehen. Ich glaube, ich gebe die Frage einfach an unsere Katze weiter, aber die grübelt gerade darüber nach, wer ihr das Katzenfutter geben darf.               

12.8.2009

Kindheitserinnerungen

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 21:40


Was treibt einen Mann wie mich, welcher bereits weit mehr als 40 Jahre auf dieser schönen Welt verbracht hat, dazu, in Kindheitserinnerungen zu schwelgen ? Auf die Idee hat mich eigentlich die Webseite swapy.de gebracht, eine Tauschbörse für Spielzeug. Abgesehen davon, dass ich mich mit dieser Materie schon seit Jahrzehnten nicht mehr befasse, wäre es mir gar nicht möglich, aktiv an solch einer Tauschbörse mitzumachen.

Denn der Zahn der Zeit hat nicht nur an mir selbst, sondern natürlich an all meinen ehemals kostbarsten Schätzen genagt, ist sozusagen in den Jahrzehnten ewiger Unrast stumpf geworden, hat sich abgenutzt und ist schließlich vollkommen ausgefallen. Die Spielsachen meiner Kindheit sind verschwunden, haben sich unmerklich aufgelöst in den vielen Umzugskisten, leeren Schubladen und staubigen Kellerverliesen. Anfangs gehütet wie mein Augapfel, sorgsam darauf bedacht, keines dieser Kleinode zu beschädigen oder noch schlimmer, zu verlieren, sind nun, nach vielen Jahren nur noch die Erinnerungen geblieben. Erinnerungen an das, was mich viele Jahre meines frühen, ja meines früheren Lebens begleitet hat. Und auch diese immateriellen Spielsachen, dieses Spielzeug meiner Gedanken verblasst immer mehr, macht Platz für scheinbar wichtigere Dinge, welche ihren Platz in meinen Gehirnwindungen beanspruchen.

Der Staub der Jahre, in welchen ich mich zu einem Lebewesen entwickelt habe, welches keinen Platz mehr hat für Spielereien,  hat all diese schönen Dinge bedeckt, unmerklich mit einer feinen Schicht des Vergessens. Was ist nun übrig von meinem ersten Fahrrad, ich glaube mit 3-Gang-Schaltung, wo sind all die bunten Lego-Bausteine geblieben, wer hat meinen Steiff-Teddybären gesehen, ohne den an kindlichen Schlaf nicht zu denken war, sobald das Licht im Kinderzimmer erlosch. Wo sind sie hin, die kleinen Figuren in den Überraschungseiern, wer hat meinen Chemiebaukasten gesehen ? Ich weiß nicht, wem ich diese Frage jetzt noch stellen könnte.

Der Mensch sagt, die Zeit heilt alle Wunden, so wie all die aufgeschlagenen Kniescheiben vom Badesee, Armbrüche vom Baumklettern und Verletzungen beim Fussballspielen bei mir selbst heilten. Damals gab es noch keine Computer, keine Playstation, das Wort Satellitenfernsehen wurde noch nicht einmal gedacht und wer sich mit seinen Freunden unterhalten wollte, ging auf die Strasse, nicht in den Chatroom. Wir haben unsere Gedanken persönlich ausgetauscht, wir haben nicht in einer virtuellen Welt voller imaginärer Avatare gelebt.

War diese Zeit schöner als die heutige, techniküberladene, von Glasfaserkabeln zerschnittenen Natur. Ich weiß es nicht, aber diese Zeit meiner Kindheit war zumindest anders. Sie war nicht so laut, wenngleich die heutigen Unterhaltungen der Jugend nur von leisem Tastenklicken begleitet werden. Unser damaliges Spielzeug wurde fachmännisch begutachtet, Lob und Tadel erfolgten in direktem Austausch und auch der Tauschhandel war einfacher. Wir tauschten das, was wir mit unseren kindlichen Augen sahen, worauf sich unseren begehrlichen Blicke richteten. Ein Papa-Schlumpf aus einem Überraschungsei war damals mindestens drei Schlumpfinchen wert, ja mit der Gleichbehandlung von Mann und Frau nahmen wir es damals nicht so genau. Und wer einen Fußballer wie Hans Krankl, damals wie heute ein Idol in Österreich, Sie wissen schon warum, dieses Cordoba-Trauma von 1978, als Aufkleber sein eigen nennen wollte, der musste schon sehr tief in seine zerrissenen Hosentaschen greifen. Der war wie ein Sechser im Lotto, praktisch unbezahlbar, je nach Tageskurs musste man für einen Krankl mindestens die komplette deutsche Nationalmannschaft eintauschen. Ja, die Zeiten damals waren wunderbar, nicht nur für den österreichischen Fussball.

Wir hatten selbstverständlich damals noch weit wertvollere Dinge als handbemalte Schlümpfe und selbstklebende Fussballspieler. Wer wirklich etwas auf sich hielt mit 8 Jahren, musste mindestens schon Hauseigentümer sein. Kein Reihenhaus, wie heutzutage, nein wir hatten alle unser eigenes Baumhaus. Ein Mann ohne eigenes Baumhaus war damals kein echter Mann, wie sollte der schon die kleine Sophia vom Nachbarshaus mit all ihren Puppen beschützen können, wenn er nicht einmal 400 Nägel in die alte Linde beim Sportplatz schlagen konnte, ohne dass zumindest ein Brett ohne zu wackeln hielt ?  Das einzige Problem bei all unserer Häuslebauer-Mentalität war die Tatsache, dem Großvater beizubringen, daß mindestens weitere 12 000 Nägel für den Rest des Baumhauses benötigt werden. Und wenn dann alles in lichten Höhen stand, verbunden mit Nägeln, Draht und alten Kuhstricken, ein Schnäppchen vom jüngsten Sproß der Bauernfamilie, 5 Meter Seil gegen eine Fahrradkette und das Versprechen, beim Ausmisten zu helfen, ja dann kehrte Frieden ein in unserem kindliches Idyll. Zumindest solange, bis einer 12 Murmeln gegen den Hammer vom Opa tauschen wollte, man stelle sich das einmal vor, lächerliche 12 Murmeln gegen einen echten Hammer. Aus den 12 wurden dann 14 und eine Watschn, also Ohrfeige, vom Opa für den “verlorenen” Hammer gab es zusätzlich, vollkommen gratis und frei Haus.

Und abends, wenn im Kinderzimmer das Licht verlöschte, lagen wir da, dachten an all unsere Schätze, vergraben im Wald unter unserem Baumhaus und die Augen wurden schwer. Und dann, einen kurzen Moment, bevor uns unsere kindlichen Träume gefangen nahmen, da wussten wir, das war wieder ein guter Tag. 14 Murmeln mehr, die komplette deutsche Nationalmannschaft in unserem Besitz, neben der kleinen Sophia drei weitere Freundinnen namens Schlumpfinchen 1, 2 und 3 und natürlich diese sagenhafte Watschn vom Opa.  

      

8.8.2009

Göteborg

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 13:42


Warum gerade diese Stadt an der Westküste Schwedens mit direktem Zugang zur Ostsee ? Warum nicht Ballermann 6, ein All-Inklusive-Arrangement in der schönen Türkei oder vielleicht 14 Tage Dominikanische Republik mit Sonne, Sand und Meer ? Der Grund liegt wohl in dieser unbeschreiblichen Faszination, welche die in Jahrmillionen geschliffenen Felsen im sogenannten Schärengarten vor der Küste Schwedens auf mich ausüben. Unzählige kleine Inseln, nicht in bunte Gewänder gekleidet, nicht von Palmenstränden gesäumt, nicht von der Hektik touristischer Massen infiziert. Dafür grau, kahl, karg. Sie glauben, das sei trist ? Ist es aber nicht, denn gerade diese Ruhe, diese Reduktion auf das Wesentliche, nämlich die Natur und all ihre unzähligen Erscheinungsformen ist es, was diesen Reiz ausmacht. Jeder Fels anders geschliffen, jeder Stein in einer anderen Form, jede Form in einem anderen Grau, jedes Grau in einer neuen Nuance. Und all diese Nuancen, diese Puzzleteile fügen sich zu einem Großen, zu einem wunderbaren wie von Geisterhand geschaffenen Ganzen.

Wenn Sie also jemals die Gelegenheit haben sollten, die zweitgrößte Stadt Schwedens zu besuchen, lassen Sie sich auf jeden Fall entführen in diese Märchenwelt aus Granit und Wasser. Wer mit der Materie Wasser nicht ganz so vertraut ist, aber trotzdem einen Vorgeschmack auf den Schärengarten bekommen möchte,  kann beispielsweise in einer ca. halbstündigen Bootsfahrt die Älsborg fästning (Festung Älsborg) besuchen. Außer einem grandiosen Blick, viel Ruhe, gutem Kaffee und einem kleinen Souvenirladen mit handgefertigten Kleinoden sollten Sie sich allerdings nicht viel auf dieser kleinen Insel an der Mündung des Göta Älv erwarten. Aber ganz ehrlich, sind Sie nach Schweden gekommen, um eine Strandparty zu feiern ? Na eben.

Und wer schon einmal in Göteborg weilt, der sollte sich auf alle Fälle auf eine Stadtrundfahrt begeben. Mit dem Bus ? Nein, natürlich auch auf dem Wasser, mit einem der sogenannten Paddan-Boote, flach wie Flundern und ohne schützendes Dach. Sie wollen den Grund dafür wissen ? Den verrate ich Ihnen nicht so ohne weiteres, entweder Sie fahren selbst nach Göteborg oder Sie schreiben mir eine email. Sollten Sie den ersten, zweifelslos schöneren Weg vorziehen, die Paddan-Boote finden Sie direkt im Stadtzentrum von Göteborg. Und das Stadtzentrum Göteborgs ist eigentlich mit einem, vielleicht zwei Blicken zu überschauen.

Fortsetzung folgt. 

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