Ikarus der Moderne
Wie in Zeitlupe schwebe ich dahin, träume mit offenen Augen, lasse mich fallen, falle immer schneller, immer tiefer. Die Zeit steht still, Sekunden vergehen, ohne wirklich vergangen zu sein. Die Welt hört auf zu atmen, eisige Stille umfängt mich, umschließt meinen Körper, beginnt, alle Dimensionen einzufrieren. Wie in Trance gleite ich dahin, bin eins mit mir, Gedanken hören auf, noch ehe sie zu Ende gedacht sind.
Ich bin alleine, gefangen in einer Welt aus gefrorener Zeit, in einer Welt vollkommener Schwerelosigkeit. Die menschliche Seele wird schwer in diesem Kosmos aus Schwerelosigkeit, mein Körper hört auf, gegen die Schwerkraft anzukämpfen. Es ist, als hielte die Natur ihren eisigen Atem an.
Liege ich auf dem Rücken, auf dem Bauch, horizontal, vertikal ? Ich weiß es nicht, will es nicht wissen. Atme ich durch die Nase, durch den Mund, atme ich überhaupt ? Ich weiß es nicht, will es nicht wissen. Bin ich still, schreie ich ? Ich weiß es nicht, will es nicht wissen. So muß sich Ikarus gefühlt haben, als er sich aufmachte, für einen kurzen Moment der Sonne näher zu sein als der Erde. Für einen Wimpernschlag glaube auch ich, auf den Spuren des Ikarus zu wandeln, für einen kurzen Moment bin ich dem Himmel näher als der Erde. Bis mich ein großer weißer Vogel weiter trägt, sanft gleite ich durch seine Federn rasend schnell Richtung Abgrund, wühle mich in Bruchteilen von Sekunden durch sein Federkleid, atme sein reines, klares Dickicht aus weißem Nichts. Dann gibt er mich frei, entschwindet, verschwindet Richtung Sonne, während ich meine Reise fortsetze, real in einer Welt aus Irrealem und Surrealem, träumend und doch wach, denkend und gleichzeitig gedankenlos, schwebend und im Fallen, schreiend und stumm.
Ein Ruck holt mich zurück aus dieser Welt voller Wind, Wolken und Vergessen. Ich spüre, wie sich der Fallschirm öffnet, wie mein Tandemmaster die Reißleine zieht, wie sich der Stoff über uns zu einem Zelt aufbauscht und uns von der Horizontalen in die Vertikale aufrichtet. Die Zeit fängt wieder an, gefrorene Sekunden tauen auf und beginnen, unerbittlich weiter zu ticken. In langsamen Kreisbewegungen nähern wir uns der Erde, schwarze Ameisen werden zu Menschen, kleine Schachteln formen sich zu Häusern, bunte Punkte heißen jetzt wieder Autos.
Ein letztes Aufbäumen, ein allerletzter Blick nach oben, dann hat mich die Schwerkraft wieder gefangen. Zurück, ein gefallener Engel aus über 4000 Meter Höhe, verstossen von den Wolken, jenen großen weißen Vögeln mit ihrem unendlich dichten Gefieder, die mir zumindest für ein paar Augenblicke gestattet haben, mit ihnen zu fliegen. Ich bin wieder zurück, aber diese Erfahrung, dieser kurze Moment unendlicher Freiheit hat sich für immer in mir verinnerlicht. Der Traum vom Fliegen hat sich für mich erfüllt, der Traum wurde Wirklichkeit, eine phantastische Empfindung, welche nur noch dadurch gesteigert wurde, daß ich diesen Traum zusammen mit meiner Frau leben durfte.
Und wenn ich jetzt als Abschluß sage, unser Hochzeitstag ist wie im Flug vergangen, dann ist das wörtlich zu nehmen. Ein ganz herzliches Dankeschön an den Jump Club Krems für die phantastische Betreuung und gleichzeitig noch etwas Werbung für das Fallschirmspringer-Treffen in Fromberg im Waldviertel (Österreich), wo dieser Traum Wirklichkeit wurde.