Bio Natur - Der Weblog

15.5.2012

Ignis Fatuus Internet oder grüne Stromschnellen

Abgelegt unter: Erneuerbare Energie — Paul Boegle @ 00:19


Es kommt doch relativ selten vor, dass ich, und hier greife ich dem Ende dieses Beitrages schon einmal vor, Auftragsarbeiten auf diesem Blog durchführe. In diesem Fall lässt sich dies jedoch zum einen mit meinem letzten wortreichen Artikel “Digitaler Datenstrom dank realem Kohle- und Atomstrom” vereinbaren und zum anderen bedeutet dies auch einen kleinen Geldstrom für mich als Blogger. Ganz zu schweigen davon, dass ich Sie mit der kraftstrotzenden Überschrift trotz des trivialen Folgenden zum Weiterlesen bewegen möchte.

Thema soll hierbei die Auswahl des besten Stromanbieters über das Internet sein. Zugegeben, kein sehr ausgefallenes und schon gar kein neues Thema. Allerdings hat es mich doch überrascht, dass Deutschland mittlerweile mit 900 verschiedenen Stromanbietern, welche wiederum mit 10000 verschiedenen Stromtarifen auf Kundenfang gehen, eine beachtliche Anzahl an Stromquellen im engeren Sinne in die Verbraucherinnenfassungen schraubt und die Drähte des Konsumenten wahrhaftig zum irrlichternen Glühen bringen. Ich bin deshalb also versucht, sogar von einem dauerbrennenden Ignis Fatuus zu schreiben, wenngleich sich viele Anbieter, welche sich um dieses Narrenfeuer versammeln, ihre Werbekampagnen eher zu einem Strohfeuer entfachen. So nutze ich diesen Artikel natürlich auch in erster Linie, um Kunden, welche zum jetzigen Zeitpunkt noch E.ON, Vattenfall oder RWE ihr Vertrauen schenken, vielleicht ab morgen schon etwas mehr Grün in die Glühbirne bringen möchten und deshalb dorthin wechseln, wo die Klimakiller Braun- und Steinkohle und selbstverständlich Atomkraft nicht am machtoligopolitischen Tisch Platz nehmen.

Wer sich also dazu entschließt, zukünftig mit neuem Saft aus der Steckdose die eigenen vier Wände auszuleuchten, könnte doch darüber nachdenken, durch Ökostrom mehr Licht ins klimatraumwandlerische Dunkel zu bringen. Denn der Wechsel des Stromanbieters bedeutet nicht immer, am falschen Ende zu sparen. Meist ist Ökostrom teurer als herkömmlicher Strommix aus konventionellen Energieträgern. Doch diese Mehrkosten belaufen sich in den meisten Fällen auf wenige Euro pro Monat (siehe dazu z.B. Greenpeace Aachen: Ökostrom - Was ist beim Stromwechsel zu einem Ökostromanbieter zu beachten?). Doch Ökostrom bedeutet mehr als nur der erste Blick auf den Anteil erneuerbarer Energieträger. Oder wie die FAZ bereits 2008 unter Umweltverbände warnen - Mancher Ökostrom ist eine Mogelpackung schreibt:

Auf die Kennzeichnung kommt es an

Verbraucherschützer und Umweltverbände raten daher, beim Umstieg auf Ökostrom genau auf die Kennzeichnung zu achten. Entscheidend für den Umweltnutzen ist, ob der Bezug des Ökostroms zum Bau neuer Kraftwerke mit erneuerbaren Energien führt. Das TÜV-Ökostrom-Zertifikat belegt zum Beispiel nur, dass der Strom aus erneuerbaren Energien stammt, die unter das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) fallen. Dieser Strom wird aufgrund der gesetzlichen Förderung ohnehin produziert; entsprechend bringt die Nachfrage des Stroms mit diesem Zertifikat keinen zusätzlichen Umweltnutzen.

Aus diesem Grund versuchen die beiden bekanntesten Ökostrom-Label, OK Power und Grüner Strom Label, den Neubau von Ökostromkraftwerken mit unterschiedlichen Kriterien zu erfassen. Das „OK Power Label“, das vom Öko-Institut gemeinsam mit der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen und dem Umweltverband WWF entwickelt wurden, sieht vor, dass der Strom für jedes zertifizierte Produkt mindestens zu einem Drittel aus neuen Kraftwerken auf der Basis erneuerbarer Energien oder neuer, gasbetriebener Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen stammt.

Als Neuanlagen gelten Kraftwerke, die nicht älter als sechs Jahre sind. Anlagen, die sowieso vom EEG oder von vergleichbaren Instrumenten gefördert werden, gelten nicht als Neuanlagen, weil sie keinen zusätzlichen Umweltnutzen bringen. Das System zwingt somit die Ökostromanbieter, spätestens alle sechs Jahre neue Anlagen unter Vertrag zu nehmen.

Ich hatte vor beinahe Jahresfrist schon einmal unter “Sei Teil der Bewegung” einen kurzen Spot zum Wechsel zu Ökostrom vorgestellt. Vielleicht ist ja nun die Zeit reif, dass wieder ein paar Menschen dieser Forderung folgen möchten. Und weil dieser Beitrag für den Schreibenden, in diesem Falle also spreche ich von mir selbst, ein paar Euro eingebracht hat, was ich hiermit auch zwecks Transparenz kundtun möchte und zu Anfang angedeutet hatte, darf natürlich eine entsprechende Verlinkung zu jenen nicht fehlen, welche mich baten, meine schreibenden Finger in die bloggende Steckdose zu stecken.

Im folgenden Stromrechner finden Sie alle aktuellen Stromtarife für Ihre Region und können diese miteinander vergleichen. Einfach die Postleitzahl und den ungefähren Verbrauch eingeben. Der beste Anbieter im Test? Die Meinungen gehen hierfür natürlich sehr auseinander. Sie können im Vergleichsrechner daher bei jedem Stromanbieter auf “Bewertung” klicken und finden dort viele Kundenmeinungen.

Natürlich gehen auch diese wie so viele Meinungen auseinander. In diesem Falle werden sie allerdings gebündelt unter Webseite mit Stromvergleichen - hier klicken. Bin ich nun ein käuflicher Mensch, weil ich diesen Artikel geschrieben habe? Selbstverständlich bin ich das, doch andererseits habe ich dafür eine Gegenleistung erbracht. Ähnlich Ihem eigenen Stromanbieter, welche Ihnen gegen Ihr gutes Geld (hoffentlich) guten elektrischen Saft liefert. Also möglichst ohne Atom- oder Kohlestrom. Vielleicht spielen Sie jedoch mit dem Gedanken, Ihren Stromlieferanten aus diesen guten oder anderen nicht weniger guten Gründen zu wechseln. Dann wäre möglicherweise www.stromanbieter-wechsel.biz eine Option, um sich nach entsprechenden Alternativen umzusehen. Diesen Link spendiere ich übrigens völlig kostenlos. Auch dies soll vollständigkeitshalber und zwecks transparenter Berichterstattung nicht unerwähnt bleiben. Und weil sich dieser Beitrag in erster Linie mit grünem Strom beschäftigt, ist klarerweise eine Verlinkung auf die Unterseite Stromanbieter mit Ökostrom (z.B. Windenenergie) die konsequenteste Ausrichtung.

13.5.2012

Wüstenplanet - Wüster Planet

Abgelegt unter: Naturfotos — Paul Boegle @ 23:13

Zivilisation trifft Natur

Paul Boegle: Wüstenplanet - Wüster Planet

Paul Boegle: Desert And Storm

7.5.2012

Digitaler Datenstrom dank realem Kohle- und Atomstrom

Abgelegt unter: Erneuerbare Energie — Paul Boegle @ 18:39


Die dreckige Welt des watteweichen Cloud Computing

Eigentlich bin ich der absolut falsche Ansprechpartner in Sachen Cloud Computing. Natürlich habe ich mich trotzdem erst einmal ein bisschen schlau gemacht, was denn überhaupt hinter diesem Terminus steckt. Aus welchem Grunde habe ich mich mit solch Dingen beschäftigt? Nun, Greenpeace prangert in einem Kurzvideo die sogenannte iCloud von Apple an. Die kalifornischen digitalen Apfelproduzenten, welche sich nach eigener (Werbe)Aussage dem Motto “think different” verschrieben haben, sind demzufolge jedoch gar nicht um so vieles anders als Amazon oder Microsoft. Zumindest dann nicht, wenn es um die Deckung des immensen Strombedarfs geht, welcher unsere iPhones, iPads und welche virtuellen Eier auch sonst Tag für Tag mit neuen Überraschungen ge- und befüllt werden sollen. Dass Apple (siehe meinen Beitrag “Foxconn und der saure Apfel von Apple“) oder Amazon (dazu mein Artikel “Report Mainz: Angst bei Amazon“) auch in anderen Dingen ganz differenziert denken und leider auch handeln, mag hier nur am Rande erwähnt werden. 


Was aber genau hat es mit diesem Cloud Computing überhaupt auf sich? So steht, und hier muss ich auf ein vollständiges Zitieren aufgrund fehlenden Verständnisses für diese Materie (eigentlich eher immateriell) zurückgreifen, unter Orientierungshilfe - Cloud Computing der Arbeitskreise Technik und Medien der Konferenz der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder Version 1.0 Stand 26.09.2011 gleich zu Beginn auf Seite 4 geschrieben:

1 Einführung
1.1 Nutzen
„Cloud Computing“ steht für „Datenverarbeitung in der Wolke“ und beschreibt eine über Netze angeschlossene Rechnerlandschaft, in welche die eigene Datenverarbeitung ausgelagert wird. Teilweise wird von Cloud Computing auch dann gesprochen, wenn eine oder mehrere IT-Dienstleistungen (Infrastruktur, Plattformen, Anwendungssoftware) aufeinander abgestimmt, schnell und dem tatsächlichen Bedarf angepasst sowie nach tatsächlicher Anwendung abrechenbar über ein Netz bereitgestellt werden. Cloud Computing kann auch als eine Form der bedarfsgerechten und flexiblen Anwendung von IT-Dienstleistungen verstanden werden, indem diese in Echtzeit als Service über das Internet bereitgestellt werden und danach eine Abrechnung erfolgt. Damit ermöglicht Cloud Computing eine Umverteilung von Investitionsund Betriebsaufwand. Die IT-Dienstleistungen können sich wiederum auf Anwendungen, Plattformen für Anwendungsentwicklungen und -betrieb sowie auf die Basisinfrastruktur beziehen. Dabei hat sich eine Einteilung in die drei Cloud-Services bzw.
Organisationsformen „Software as a Service“, „Platform as a Service“ und „Infrastructure as a Service“ weitgehend durchgesetzt. Weiterhin wird zwischen „Public-, Private-, Hybrid- und Community-Clouds“ differenziert. Die Entstehung jener Form der Datenverarbeitung ist eng verbunden mit der enormen
Steigerung der Rechenleistung, der flächendeckenden Verfügbarkeit höherer Bandbreiten für die Datenübertragung und der einfachen Einsetzbarkeit von Virtualisierungstechnologien. Als Synthese von IT- und Telekommunikations-Leistungen führt Cloud Computing dazu, dass – einfach dargestellt – jegliche Leistung als Service erhältlich wird. Cloud Computing repräsentiert somit den Gedanken von „Services aus dem Netz“, vergleichbar mit „Strom aus der Steckdose“. Cloud Computing lässt sich damit auch als eine dynamisch allokierbare Infrastruktur verstehen, in der Kapazitäten und Services nach Bedarf bezogen werden können und die Grundlage dieser Struktur in der Virtualisierung von Hardware, des Speichers, des Netzwerks und der Software besteht.

Verschiedene Anbieter stellen also ihre Dienstleistungen dank virtueller Infrastrukturen zur Verfügung und lässt dies sich am besten mit dem Strom aus der Steckdose vergleichen. Für den Laien wie mich genügt das vorläufig. Viel schlauer bin ich zwar nicht geworden, doch ich habe eigentlich genau jenes Schlagwort gefunden, welches ich für den folgenden Übergang benötige. Bevor ich diesen virtuellen Rubikon jedoch überschreite, sei noch auf die datenschutzrechtlichen Faktoren verwiesen, welche sich aus diesem Nutzen und Schweben in und über solch verlockend allwissenden Rechnerwolken ergeben. So steht stellvertretend auf Seite 14 unter “4.1.2 Cloudspezifische Risiken” derselben Quelle etwa:

Eine zentrale Eigenschaft des Cloud Computing ist, dass Computerressourcen von den Cloud-Anwendern genutzt werden, auf die sie selbst keinen konkreten Zugriff haben. Es ist in der Regel nicht nachvollziehbar, wo und auf welchen Systemen Anwendungen und Daten gespeichert sind, ausgeführt oder verarbeitet werden, besonders dann, wenn der Anbieter des Cloud Computing seine Dienstleistungen und Services (teilweise) bei anderen Anbietern einkauft und dieses nicht transparent für den Cloud-Anwender geschieht.

Ich lasse diese Aussage nun unkommentiert im luftleeren, aber umso bitgeschwängerten und bytegefüllten Raume stehen. Vergleichbar wie Strom aus der Steckdose sei also solch eine virtuelle Ansammlung von Fotos, Daten, Programmen und Serviceleistungen. Doch woher nehmen die Anbieter diesen Lebenssaft unserer 2.0.-Welten?

How clean is your cloud?

Die gleichnamige Studie von Greenpeace (englisches Original unter Greenpeace International: Executiv Summary oder die deutsche Zusammenfassung) machen deutlich, dass grüner Strom oftmals nur Wunschdenken ist. “Cloud Computing wird häufig mit Kohle- und Atomstrom betrieben” lautet das innovative Konzept nicht nur bei Apple:

Für ihre gigantischen Cloud-Rechenzentren nutzen viele IT-Unternehmen hauptsächlich Strom aus Kohle- und Atomenergie. Die Umweltorganisation Greenpeace warf am Dienstag in einer Studie vor allem Apple, Amazon und Microsoft vor, nicht genug auf erneuerbare Energie zu setzen.

Google, Yahoo und Facebook bescheinigen die Umweltschützer hingegen, zunehmend erneuerbare Energien zu nutzen und sich für deren Ausbau einzusetzen. Die kritisierten Unternehmen widersprachen den Greenpeace-Angaben.

Eine gute Zusammenfassung zur Greenpeace Studie bietet dazu auch IT-Business: Greenpeace-Studie „How Clean is Your Cloud?“ Apple, Amazon und Microsoft verbrauchen durch Cloud Computing mehr Kohle- und Atomstrom. Dort heißt es unter anderem auch interessanterweise:

Laut der Studie hat sich Facebook inzwischen verpflichtet, die eigene Plattform mit erneuerbaren Energien zu betreiben. Der erste Schritt dazu ist das neue Rechenzentrum in Schweden, das komplett mit erneuerbaren Energien läuft.

Über das von Facebook in Schweden gebaute Rechenzentrum habe ich schon auf diesem Blog berichtet. Weniger aus Gründen des Umwelt- als vielmehr des Datenschutzes wollte ich unter “Facebook: Erneuerbare energiegeladene Abhörfalle” auf jene Aspekte jenseits grüner Ambitionen aufmerksam machen. Was auch für diesen Beitrag gilt. Der Himmel hängt sicherlich nicht voller Geigen. Und die federleicht schwebenden Rechenwolken, welche wir so unbedacht und vielleicht allzu unbedarft tagtäglich nutzen, bergen auch das eine oder andere Geheimnis, welches zu ergründen sicherlich nicht einfach, aber umso notwendiger ist. Damit sich “think different” nicht zum unerfreulichen Kriechstrom entwickelt. 

1.5.2012

Überwachung ist immer und überall

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 21:22

Fundstück der Woche: You are under surveillance

Ich weiß, seit meinem letzten Beitrag über die sagenhafte Conch Republic ist bereits mehr als eine Woche ins überwachte Land gestrichen. Doch in einem unbedachten Moment und unbewachten Augenblick, also jetzt, finde ich einige kurze Worte, um dann aber sogleich wieder ins Dunkel abzutauchen. Grund dafür ist hauptsächlich meine permanente Urlaubsstimmung, welche es auszunutzen gilt, um über jene anderen Dinge nachzudenken, welche durch das Bloggen nicht abgedeckt werden können.

Nichtsdestotrotz habe ich aber bei einem meiner zahlreichen Müßiggänge, in diesem speziellen Falle mussten die Strassen Funchals für solch schändliches Tun herhalten, folgende ganz entzückende Bemalung gefunden, welche doch auf erstaunliche Art und Weise wiedergibt, dass nicht nur die EinwohnerInnen Österreichs, Deutschlands oder welches Land auch immer auf Schritt und Tritt die Tritte und Schritte seiner lieben und gesetzestreuen Bevölkerung bevorratet, speichert und im günstigsten Falle irgendwann auch wieder löscht. Wir stehen alle unter Beobachtung oder eben “You are under surveillance.

Die Rua de Santa Maria, älteste Straße der Altstadt von Madeiras Hauptstadt, bietet aber Dutzende solcher buntbemalter Haustüren. Manche vielleicht weniger kritisch und nicht ganz so reflexiv wie diese beispielhafte, aber alle mehr als entzückend farbenfroh und kreativ gestaltet. Wenngleich mich eben dieses eine Exemplar bei meinem weiteren Müßiggang aus meinen Betrachtungen gerissen hat. Zumindest bis zur nächsten Haustüre.

You are under surveillance. Wir stehen alle unter Beobachtung. Selbst in der Rua de Santa Maria, der ältesten Strasse von Funchal.     

24.4.2012

The Conch Republic: “We seceded where othes failed”

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 11:42


Als den USA mit einer Brotstange der Krieg erklärt wurde

Ganz ehrlich: Kennen Sie die Republik Conch (sprich Konk)? Nein? Nun, das ist eigentlich erstaunlich, feiern die EinwohnerInnen auf Key West im sonnigen Florida doch ihr The Conch Republic: “We seceded where othes failed”. The Mitigation of World Tension through the Exercise of Humor.bereits 30-jähriges unabhängiges Bestehen. “We seceded where othes failed” oder zu deutsch “Wir haben uns abgespalten, wo andere versagt haben” lautet deshalb auch das farbenfrohe Motto des Staates im Staate USA. Natürlich in Anspielung auf den Sezessionskrieg Süd gegen Nord. Weshalb verdient dieser Staat aber meine (und hoffentlich auch Ihre) Beachtung und Wertschätzung, dass ich diesem territorialen Kleinod sogar einen eigenen Artikel widme und so kurz nach meinem Beitrag über Detroit, die Stadt der unbegrenzten Anbaumöglichkeiten schon wieder bloggenderweise über den Atlantik ins Land der unbegrenzten Un(Möglichkeiten rudere?

Relativ schnell und einfach erklärt. Das Motto der Republik, die Botschaft an den Rest der Welt, die Doktrin des Staates mit der rosafarbenen Tritonshornmuschel, eben jener sogenannten Conch, im Wappen lautet auf einen einfachen Nenner gebracht: “The Mitigation of World Tension through the Exercise of Humor.” Oder, um auch hier wieder ins Deutsche zu wechseln: “Die Weltspannungen durch den Einsatz von Humor reduzieren.” Ich denke, dieses außenpolitische Statement genügt voll und ganz, um sich um einen Reisepass zu bemühen. Denn auch einen solchen können Sie beim Konsulat beantragen.

Was aber hat es nun mit diesem kriegerischen Baguette auf sich? Dazu habe ich in der FAZ einen Artikel aus dem Jahre 2007 mit dem Titel “Conch Republic: Eine Insel voller Narren” angesichts des damaligen 25-jährigen Bestehens ausgegraben. Nicht mehr ganz röstfrisch, aber immer noch aktuell. Und vor allem macht er anschaulich, weshalb der alltägliche Spaß dort durchaus einen ernsten Hintergrund hat.

Die „Conch Republic“ liegt am südlichsten Ende Floridas, regelt ihre Konflikte mit Tomaten und trockenem Brot und besticht durch schrill-bunte Außenwirkung. Trotzdem ist der Phantasiestaat nicht nur zum Spaß da. Wer hier „Staatsbürger“ wird, bekennt sich zu einem kritischen Standpunkt.

(…) Auf den ersten Blick mag die Conch Republic aussehen wie ein Narrenstreich. Doch dahinter steckt wohlüberlegter Protest. Mit der Gründung der Conch Republic reagierten ein paar Amerikaner auf die Gängelung durch die Behörden: 1982 stellte die Grenzpolizei am Eingang der Key Islands einen Posten auf, um nach Drogen und illegalen Einwanderern zu suchen. Die Bewohner ärgerten sich über die langen Staus und fürchteten, die Touristen könnten ausbleiben. Sie fühlten sich behandelt wie ein fremdes Land und beschlossen daraufhin, auch eines zu werden. Also machten sie den Bürgermeister zum Premier und bewaffneten sich - mit trockenen Brotstangen. Noch am gleichen Tag kapitulierten sie wieder und beantragten eine Wiederaufbauhilfe von einer Billion Dollar. Die Vereinigten Staaten haben bis heute nicht auf die Forderungen reagiert. Doch der Grenzposten verschwand. Die Conch Republic hatte gewonnen.

Wegen Flüchtlingen politisch aktiv

Es gibt immer wieder solche Auftritte, große Spektakel, die als Narrenfest daherkommen. “Wir amüsieren uns sehr dabei”, sagt Sir Peter. Dumme Schildbürgerstreiche sind es aber nicht, dafür ist der Hintergrund viel zu ernst. Auch Eulenspiegel war nur vermeintlich ein Narr, tatsächlich den meisten seiner Zeitgenossen überlegen - Humor war seine schärfste Waffe.

Vor einem Jahr kaperten ein paar Conch-Republikaner die alte Seven-Mile-Brücke zwischen Vaca Key und Bahia Honda, Sir Peter trug einen schwarzen Piratenhut und hielt Flaggen und eine Brotstange in den Wind. Ein paar Tage zuvor, als 15 kubanische Flüchtlinge dort gelandet waren, hatten die Vereinigten Staaten erklärt, die Brücke gehöre nicht zu ihrem Territorium, und die Flüchtlinge zurückgeschickt. Die Conch Republic meldete daraufhin “großes Interesse” an der Brücke an. Zugesprochen wurde sie ihr nicht, doch die Vereinigten Staaten machten ihre Territorialentscheidung wieder rückgängig.

Conch Republic Radio: “The Magic Is The Music”.Und dann habe ich noch beim Recherchieren für all jene, welche nicht nur Spaß am Lesen, sondern auch gerne Musik hören, Pirate Radio und, wie könnte es auch anders sein, Conch Republic Radio entdeckt. Für alle, welche sich abseits von Mainstream beschwingt singend hüfteschwingend außerhalb dieser freien Republik tanzend durch diese oftmals viel zu ernste Weltgeschichte fortbewegen möchten, kommen einfach Klick auf die beiden Screenshots zu diesen beiden Radiosendern.

Übrigens: Um eingebürgerte Conchianerin oder Conchianer zu werden, können Sie, wie schon oben geschrieben, einen Reisepass beantragen. Doch damit Sie sich Conch nennen dürfen, müssen Sie auf Key West geboren sein. Eigentlich schade, aber auch die kleine Republik und ihre skurril schrillen Bewohnerinnen und bunt fröhlichen (Schild)Bürger haben eben ihren Stolz. Doch im Gegensatz zu jenen aus Schilda, denen allerdings ebenso mein allerhöchster Respekt gilt, läuft in der Conch Republic vieles richtig.

Wenngleich den meisten Auswanderungswilligen und AussteigerInnen angesichts der horrenden Immobilienpreise ein Umzug in die Conch Republic sicherlich schwer fallen dürfte. Was mich schlussendlich zu der Erkenntnis bringt, dass sich eben doch nicht alles mit Humor aus der Welt schaffen lässt. Denn beim Geld hört bekanntlich der Spaß auf. “Quit your job und move to Key West” lautet zwar ein Bestseller, welchen Sie im dortigen Museumsshop Pirate Radio Key West. Reingehört von Paul Boegle.erwerben können und der anschaulich Schritt für Schritt erklärt, wie der neue Lebenswandel zu vollziehen sei. Doch leider lautet auch da die Devise: “Nur Bares ist Wahres!” und Muschelgeld ist auch im Süden Floridas leider nur ein Faustpfand ohne Nominalwert. Da können Sie noch so kräftig ins Horn oder wenn Sie möchten, in eine unabhängige rosafarbenen Tritonshornmuschel blasen. Auch Freiheit hat ihre Grenzen. Denn Freiheit genießt nur der Narr. Oder, um mit dem FAZ-Beitrag zu schließen:

Einmal, ganz am Anfang, hatte er (Anm.: Sir Peter Anderson, Generalsekretär der Conch Republic) eine Audienz beim Außenminister der Bahamas. Was sie denn eigentlich mit dem Phantasiestaat bezweckten, wollte der wissen. Sir Peter musste einen Moment überlegen. Und sagte schließlich: “Wir sind der Joker. Sie wollen bestimmt nicht immer mit ihm spielen, doch ohne ihn ist der Kartensatz nicht komplett.” Ihm war damals nicht klar, dass der Joker meistens als Hofnarr dargestellt ist. Ein kleiner Mann mit Schellenkappe, der nicht nur für die Belustigung am Hofe zuständig war, sondern auch ein besonderes Recht innehatte: Er durfte als Einziger dem Herrscher die Wahrheit sagen. 

20.4.2012

Wild graben, illegal zupfen, heimlich jäten und stürmisch säen

Abgelegt unter: Garten — Paul Boegle @ 21:31


Kultivierter Landraub inmitten urbaner Kultur

Noch nicht lange ist es her, dass ich unter “Detroit - Stadt der unbegrenzten Anbaumöglichkeiten” jenem US-amerikanischen städtischen Symbol für die heilige Blechlawine in Schrottes Namen schlechthin meine Aufmerksamkeit geschenkt habe. “Gemüse statt Autos” lautet der neo-mobile Leitspruch im Namen des Spatens, der Bohne und des eiligen Grases. Auf grünem Rasen statt auf Asphalt rasen, Anbau statt Autobahnstau, Bio statt Sprit. Und nun muss oder vielleicht darf ich lesen: “Besetzer dürfen vorerst auf BOKU-Feldern bleiben“.

Nein, keine Occupy-Aktion und auch ansonsten keinerlei Krawall für die AnwohnerInnen. Keine kriegerische Aktion, nicht einmal ein Hauch von Widerstand. Sieht man vielleicht davon ab, dass sich im Erdreich vergrabene Wurzeln querlegen könnten und große Schollen kurz und klein gehauen werden, haben sich ein paar Dutzend Menschen in Wiens Norden ein Stückchen Land, ein Fleckchen Erde untertan gemacht, um darauf das u tun, was in der Überschrift bereits festgehalten wurde. Oder, wie es eben im Artikel des Standard schwarz auf weiß geschrieben steht:

Da wird gegraben, gezupft, gejätet und gesät: Rund 30 Menschen waren auch am Donnerstag damit beschäftigt, ein Stück Land in Wien Jedlersdorf zu kultivieren. Seit Dienstag besetzen sie dort einen Bereich, der von der Universität für Bodenkultur (Boku) als Versuchsfläche gepachtet wird. Nun aber braucht die Boku einen Teil der Flächen nicht mehr und plant, sie an den Eigentümer, die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), zurückzugeben.

Die Besetzer, eine gemischte Gruppe aus Studierenden und Aktivisten, wollen den Platz als Gemeinschaftsplatz nach dem Modell “Community Supported Agriculture” gewinnen. Anrainer sollen hier selbst ihr Gemüse anbauen können und mit der benachbarten Schule ist ein Projekt geplant.

Die BOKU also, Universität für Bodenkultur oder ganz neu-deutsch nicht-deutsch University of Natural Resources and Life Sciences, hat ein Platzproblem. Oder besser gesagt eben keines, denn sie möchte diese nicht genutzten verwaisten Flächen wieder jenen zurückgeben, welchen sie von Rechts wegen natürlich auch zustehen. Jetzt fragt sich ein Mensch wie ich natürlich, was denn diese BIG für große Dinge mit diesem smarten kleinen Stückchen Erde vorhätte. Um knappe vier Hektar Land geht es im vorliegenden Hausbesetzerstreit ohne Haus und doppelten Boden. Ein Fußballfeld hat, was ich allerdings so über den grünen Daumen gepeilt habe, aufgerundet runde 0,5 Hektar, welche dem hinterher Hetzen nach rundem Leder dienlich sind. Und weiter stellte ich mir dann im olympisch ausgehauchten Geiste vor, wenn ich so dienstbeflissen auf meine Schnellbahn warte und vis-à-vis eben jenen bis zum Eintreffen derselben mehr oder weniger oder eher weniger als mehr beim vergnüglichen Treiben zuschaue, was dies doch für eine große Fläche ist, welche hier widerechtlich beharkt wird. “Verdammt“, dachte ich sportentgeisterter vegetarischer Wadlbeißer, “schon eine Menge Holz ohne Bäume, was die sich da aneignen!

Karte Fußballvereine Wien. Quelle: Google Map.

Quelle: Google Map - Karte für Fußballvereine Wien

Nun dachte ich als mordlüsterner pazifistischer Fußballkriegsverbrecher, bereits in der Schnellbahn sitzend und weiter am Artikel kauend, über eine weitere Sache nach. Acht Fußballfelder hören sich auf den ersten Spatenstich ja furchtbar viel an. Doch wieviele Fußballvereine gibt es eigentlich in Wien? Nun, Google hilft hir selbstverständlich gerne weiter. Also, gezählt habe ich sie jetzt nicht, aber auf den ersten Blick scheinen sich hier doch eine ganze Menge im Wiener Stadtgebiet zu tummeln. Ob jetzt alle einen oder mehrere Plätze ihr eigen nennen, weiß ich nicht. Doch andererseits müssen sie irgendwo spielen. Jetzt relativiert sich das mit diesen acht Fußballfeldern natürlich schon wieder. Die Schnellbahn fuhr, ich mit ihr und meine Gedanken mit mir.

Wieviel Hektar umfasst eigentlich das Stadtgebiet Wiens?” Nächste Frage, nächste Google-Suche.

Auf einer Fläche von 415 Quadratkilometern erstreckt sich die Stadt Wien von den Ausläufern des Wienerwalds im Westen und dem Donaudurchbruch im Norden bis zum Rand des ebenen Marchfelds, der Donau-Auen und des Wiener Beckens im Osten und Süden. Die Grünflächen (unter anderem Parkanlagen, landwirtschaftlich genutzte Flächen oder Wälder) machen rund die Hälfte der Stadtfläche aus. Der Grünanteil innerhalb der Bezirke schwankt von drei bis 13 Prozent in den innerstädtischen Regionen und beträgt bis zu 70 Prozent in den westlichen Bezirken.

Lässt mir Google unter “Stadtgebiet - Statistiken” ausrichten. Jetzt wird es allerdings schwierig. 415 Quadratkilometer sind wieviel Hektar? 100 Hektar sind genau ein Quadratkilometer, wird mir von meinem allwissenden Partner mitgeteilt, während mein grüner Daumen vor lauter Rechnen schon ganz blau wird. Das würde also bedeuten, und hier mache ich ohne die Suchmaschine weiter, die Wienerinnen und Wiener leben auf rund 41 500 Hektar. 3,8 Hektar weniger, ich muss mich berichtigen, denn die Aktivistinnen und Besetzer haben sich ja diese Fläche unerlaubterweise unter den dreckigen Nagel gerissen. Das macht also summa summarum und in Prozent ausgedrückt 3,8 geteilt durch 41500 mal 100 ist gleich 0,00915%. Da hat mein Maulwurf, welcher bei mir unerlaubterweise als U-Boot im Garten haust, schon morgens mehr Alkohol im Blut.

Keine Frage, es handelt sich hierbei um ein Grundstück, welches nicht in Eigentum oder rechtmäßigem Besitz derjenigen steht, welche sich durch diese 0,009% Wiener Erde wühlen. Der Standard schließt seinen Artikel mit den folgenden Zeilen:

Ob sich diese Idee umsetzen lässt, ist noch offen. Eine dauerhafte Duldung durch das Boku-Rektorat wurde nicht ausgesprochen, die Abzugsfrist von Donnerstagmittag wurde jedenfalls ausgesetzt. “Vorerst dürfen sie bleiben, wir haben keine Räumung geplant”, bestätigt eine Sprecherin des Rektorats. Eine Entscheidung soll in den nächsten Tagen fallen.

Mit der Landbesetzung wollen die Aktivisten auch auf die zunehmende Verbauung von Grünflächen aufmerksam machen. Über eine solidarische Nutzung des Grundstücks (etwa 3,8 Hektar) kann nicht die Boku als Pächter, sondern nur die BIG entscheiden. Was diese wiederum schlussendlich mit den Flächen vorhat, ist noch ungewiss.

Liebe Bundesimmobiliengesellschaft, liebe Gemeinde Wien, liebe Veranwortliche und auch liebe BOKU. Klar, bei den heutigen Grundstückspreisen ist solch ein Stückchen Land eine Investition für die Zukunft. Doch gerade solche Projekte wie jenes nun in die Schlagzeilen geratene sind nicht nur ebenfalls eine solche, sondern bieten schon in der Gegenwart einige unschätzbare Vorteile: Sie verbinden die Menschen, sie verbessern das Klima, sie fördern die Gemeinschaft, sie bieten Platz für frisches Gemüse, sie bieten Raum für seelisches Gleichgewicht und sie sorgen in Zeiten wirtschaftlicher Engpässe für ein kleines bisschen Freiraum.

Wenn das keine guten Gründe sind, die Sache noch einmal gründlich zu überdenken. 0,009% machen doch den Kohl oder vielleicht besser das Kraut nicht fett. Aber es könnte zumindest zukünftig fett auf diesen Feldern wachsen. Ganz legal und dank Menschen, welche an Visionen glauben und sich im wahrsten Sinne des Wortes auch einmal die Finger schmutzig machen wollen. Dazu gehört meines Erachtens auch die (grüne) Politik.

15.4.2012

Von kopflosen Hühnern und menschlichem Federvieh

Abgelegt unter: Tierisches — Paul Boegle @ 21:12


Mathematisches Hühnchen rupfen

Irgendwie und fatalerweise erinnert mich der quartalweise an gleichschenkligen Hühnerbeinen nagende Homo sapiens an eben jenes Federvieh, welches er aus der Werbung als glückliches Huhn kennt. Sozusagen, um den mathematisch aufgenommenen Faden dieser ungleichen Dreiecksbeziehung, welche aus glücklichem Huhn –> hungriger Mensch –> satter Mensch, aber jetzt unglückliches Huhn besteht, weiterzuspinnen: Eine Transformation von Homo sapiens zu Gallus gallus demesticus liegt in der duftgeschwängerten Luft. Sie wissen jetzt natürlich ganz genau, was ich damit meine.

Man hört doch immer wieder von diesen landwirtschaftlich landfriedlichen Horrorgeschichten, wo sich ein von Bauer Friedolin geschlachtetes Federvieh nach Durchtrennen des kammgeschwollenen Hauptes plötzlich verselbständigt und kopflos durch die Gegend rennt. Selbstverständlich denken Sie als unpolitische Freibeuterin oder neo-politischer Pirat sofort an den Störtebeker-Mythos oder an neurologische Erklärungsversuche. Kopf ab, aber die Muskelkontraktionen werden durch den noch vorhandenen Sauerstoff weiterhin am Leben erhalten. Oder eben, was davon noch übrig blieb. Aber zurück zum Vergleich. Manch zeitgenössische Genießer auf zwei Beinen, wobei wir jetzt hier den Menschen meinen, erinnern doch seltsam an diese vom Leben zum Tode beförderten, aber leider nicht stillhaltenden genießerischen Zeitgenossen, wobei wir hier nun vom Huhn reden. Immer kopflos durch die Gegend rennen, Sauerstoff verbrauchen, aber leider des zum Denken und der motorischen Steuerung notwenigen Kopfes mitsamt vorhandener Hirnmasse beraubt.

Wobei wir jetzt endlich nach langem Hin und Her beim Thema wären. Vielleicht erinnern Sie sich. Da gab es doch vor langer Zeit diese unappetitliche Geschichte von und vor allem über Wiesenhof. Ich weiß, es ist schon wieder sehr lange her und mittlerweile hat sich in unserer schnelllebigen Zeit doch einiges an anderen Unappetitlichkeiten ereignet, an denen wir zu nagen und zu kauen haben. Beim Suchen auf meinem virtuellen Hühnerfriedhof habe ich justamente am Heiligen Abend, also ganz praktisch zur oh nur fröhlichen Weihnachtszeit unter “Auweh-Ohwei-O Weihnacht: Sic Transit Gloria Mundi” dieses vollmundige Thema auf recht tellerfüllende Art und Weise gestreift, aber ansonsten hört, liest und sieht ein hanebüchernder Feinschmecker wie ich es bin eigentlich nicht mehr viel über die Causa Wiesenhof. Viele wissen natürlich, von welchen Missständen hier die Rede ist: Das System Wiesenhof.

Neue Ermittlungen wegen Tierquälerei gegen Wiesenhof

Warum nehme ich also jetzt, so kurz nach der hühnereiersuchenden und nicht minder oh nur fröhlichen Osterzeit, diesen tranchierten und gegrillten Glühfaden wieder auf? Nun, einerseits verfolge ich selbstverständlich angesichts der aufkeimenden (welch bodenlose Doppeldeutigkeit!) Diskussion um diese federleichten Füllhörner oder, wenn Sie wollen, federhalterlesender legebatteriebetriebener menschlicher Stallorder mit Interesse. Bezüglich der gegen Antibiotika resistenten Keim, welche auf Hühnerfleisch festgestellt wurden: Diese Erkenntnis ist wahrlich nicht neu. Neu (zumindest für mich) ist allerdings jene Gedankenspiel, welches von Manfred Grote, Chemiker an der Universität Paderborn, unter “FAZ: Antibiotika-Resistenzen - Ein Huhn kommt selten allein” aufgestellt wurde.

Antibiotika auch in Gemüse und Getreide?

Doch die Verwendung von Antibiotika in der Landwirtschaft wirft weitere Fragen auf. Dass diese Medikamente mit der Gülle auf die Felder und in die angebauten Pflanzen geraten, hat der Chemiker Manfred Grote von der Universität Paderborn in Versuchen mit Winterweizen, Rotkohl und Feldsalat bewiesen. “Durch den Verzehr so gedüngter Pflanzen sind Beiträge zur Resistenzentwicklung möglich”, ist Grotes Fazit.

Panikmache ist selbstverständlich eines, doch ein weiterer Grund ist etwas anderes. Zweitens hat mir also ein Leserkommentar von Ehrengard Becken-Landw. zu “Vorwürfe wegen Tierquälerei: Staatsanwalt soll doch gegen Wiesenhof ermitteln” in Erinnerung gerufen, dass wir manche Themen nicht völlig aus unserem Gedächtnis streichen sollten.

1. Behörde lehnt wegen verbotener Aufnahmen ab (weil es nach Arbeit riecht?), die 2. ist fair genug, die Aufnahmen anzuerkennen, weil die offensichtliche Tierquälerei nicht mißachtet werden kann. Jetzt kann man nur auf wirkliche Maßnahmen hoffen. Andererseits ist Wiesenhof so mächtig, daß die Sache wahrscheinlich im Sande verläuft. Die Spielregeln zwischen Politik und Wirtschaf [sic] sind bekannt.

Mal sehen, ob in diesem Falle nicht doch die Gerechtigkeit siegt. Nein, sicherlich viel zu euphemistisch, also zu hoch gegriffen. Bisher ging die Staatsanwaltschaft ja davon aus, dass die von PETA für den Vorwurf der Tierquälerei gezeigten Aufnahmen bei einem möglichen Prozess nicht in die Beweisaufnahme aufgenommen werden dürfen. Nein, nicht weil sie falsche Tatsachen widerspiegeln oder es sich sogar um gefälschte Beweise handelt. Sondern weil sie rechtswidrig hergestellt wurden. Denn verdeckte Aufnahmen seien illegale Aufnahmen und deshalb al Beweismittel nicht zulässig. Was PETA-Berater Haferbeck im Zusammenhang mit einer ähnlichen Tierechtsverletzung eines Putenmästers, welche jedoch rechtskräftig verurteilt wurde, zu der Aussage veranlasste: “Wiesenhof hat seine eigene Justiz dort“. (”taz: Misshandlungen bei Wiesenhof - Tierquäler bleiben ungestraft“)

Jetzt scheint aber mit leichter Verspätung doch wieder Bewegung in den Hühnerstall zu kommen. Denn “die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt gegen Wiesenhof“. Oder noch etwas ausführlicher unter “Offenbar neue Ermittlungen gegen Wiesenhof“.

Der Geflügelproduzent Wiesenhof mit Sitz in Visbek kommt aus den Negativ-Schlagzeilen nicht heraus. Nachdem im März die Fastfood-Kette McDonald’s angekündigt hatte, keine Produkte mehr von Deutschlands größtem Geflügelproduzenten zu verkaufen, gibt es nun neue Ermittlungen gegen Wiesenhof wegen möglicher Tierquälerei. Angeordnet wurden sie nach übereinstimmenden Medienberichten von der Generalstaatsanwaltschaft in Celle. Ein von der Staatsanwaltschaft Verden eingestelltes Verfahren werde wieder aufgenommen, berichteten der “Spiegel” und die “tageszeitung” (taz) am Freitag vorab.

Liebe Ehrengard, lassen wir uns doch jetzt überraschen, ob da wirklich alles so im Sande verläuft, wie von Wiesenhof gewünscht. Und Wiesenhof selbst? Die lassen in der Zwischenzeit ihre Wiesenhof Bruzzzler von der einstigen Nummer 1 , dem ehemaligen Bayern-Torwart Oliver Kahn, fachgerecht grillen. “Also, grillen ist wie Fußball.” lässt sich der Titan des runden Leders vernehmen. Und beim herzhaften finalen Biss in seinen gebruzzelten Geldgeber kommt er zu der Erkenntnis: “Mann, ist das ‘ne Wurst!

Also, ganz ehrlich. Wenn Wiesenhof nicht wegen Tierquälerei verklagt wird, dann ist alleine das schon einen Prozess wert. Was meine zu Anfang dieses Beitrags aufgestellte Theorie wieder in den Vordergrund rücken lässt, dass erhöhter Sauerstoffverbrauch nicht unbedingt eine Folge aktiver Gehirnfunktionen ist oder in Verbindung zu denkerischer Tätigkeit steht.  

12.4.2012

Ich möchte foodwatch-Chef Thilo Bode nicht zu nahe treten …

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 12:09


… doch was erwartet er sich von der Deutschen Bank?

Vorab eines. Ich habe “Die Essensretter” sowohl in meiner Blogroll als ständige BegleiterInnen als auch den Newsletter abonniert, was Sie in diesem Zusammenhang unter foodwatch-Newsletter eigentlich auch gleich machen könnten, so Sie denn wollen sollen. Ich berichte eigentlich in schöner jährlicher Regelmäßigkeit über den von foodwatch initiierten “Goldenen Windbeutel“, nutze die Organisation als Ideengeber und bin oftmals zu Gast auf deren Webseite, um mich einfach nur über Aktuelles zu informieren oder inspirieren zu lassen.

Nun lag er also wieder auf dem elektronischen Schreibtisch. Ein elektronischer Brief, andere würden vielleicht auch Email dazu sagen, von foodwatch-Chef Thilo Bode. Ich gebe ihn im Folgenden Wort für Wort wieder.

Hallo und guten Tag,

heute möchte ich mich ganz persönlich an Sie wendenmit einem Problem, das mich bewegt und nicht loslässt: Eine Milliarde Menschen hungern! In einer Welt, die wie die unsere jedes Jahr reicher wird! Wer hungert, hat keine Chancen auf ein menschenwürdiges Leben. Eine Schande für die ganze Menschheit!

Ich weiß natürlich, dass die Möglichkeiten, diese Katastrophe zu beenden, begrenzt sind. Aber wenn ich sehe, dass wir, die reichen Menschen im Norden, die Not der Hungernden auch noch verschärfen, dann packt mich wirklich die kalte Wut!

Vor einiger Zeit begann ich zu vermuten, dass Wetten der Finanzanleger an den Rohstoffbörsen den drastischen Anstieg der Lebensmittelpreise in den Jahren 2008 und 2010 mitverursacht haben. Um herauszufinden, ob das stimmt, nahmen wir für sechs Monate den Journalisten und Finanzexperten Harald Schumann unter Vertrag. Ergebnis: der foodwatch-Report “Die Hungermacher – Wie Deutsche Bank, Goldman Sachs & Co. auf Kosten der Ärmsten mit Nahrungsmitteln spekulieren“. Für uns liegt seitdem auf der Hand, dass die an den Rohstoffbörsen organisierten Wetten mit Mais, Weizen und Soja die Preise zeitweise in schwindelerregende Höhen treiben – und damit Leib und Leben von Menschen gefährden.

Für mich war klar: Wir mussten einen der führenden Banker mit unseren Erkenntnissen konfrontieren. Ich schickte also unseren Report an Josef Ackermann, den Vorstandvorsitzenden der Deutschen Bank, und schrieb: „Die Investmentbanken und damit auch Sie persönlich tragen Mitschuld daran, dass Menschen in den ärmsten Ländern der Welt Hunger leiden und am Hunger sterben.“ Nur einen Tag später antwortete mir Herr Ackermann persönlich: „Kein Geschäft der Welt ist es wert, den guten Ruf der Deutschen Bank aufs Spiel zu setzen…“ und versprach eine „gründliche Prüfung des Berichts“ und „eine rasche und detaillierte Antwort“.

Ich war erst einmal platt. War da der führende Unternehmenslenker der Welt von Altersmilde und Erkenntnis geläutert und auf einmal – wenn auch aus Imagegründen – bereit, auf Profit zu verzichten? Oder war es wieder einmal ein PR-Trick, wie so oft, wenn Konzerne sich vermeintlich um die Weltrettung kümmern?

Ich wollte auf jeden Fall an das Gute glauben. Und so fuhren unser Autor Harald Schumann und ich zu einem Geheimtreffen mit der von Josef Ackermann eingesetzten Arbeitsgruppe nach London, also ins Zentrum des Investmentbankings.

Ich kann Ihnen versichern, es war ein eigenartiges Gefühl, als wir die Ehrfurcht einflößenden Hallen und die gedämpften Räume der Deutschen Bank in London betraten und dann zusammen in einem Raum mit Investmentbankern und Rohstoffhändlern saßen, vor uns eine riesige Video-Leinwand, von der uns die zugeschalteten Investmentprofis aus New York anblickten. Auch zwei Mitarbeiterinnen der Forschungsabteilung saßen mit am großen Tisch – ein gutes Zeichen? Wohl nicht, wie der Fortgang des Gesprächs zeigte. Was halten Sie von unserem Report?“ eröffneten wir die Diskussion. „Völlig daneben“, kam wie aus der Pistole geschossen die Replik einer der Leinwand-Banker aus New York. Das leise Seufzen meines Mitstreiters Harald Schumann – dem Autor des Reports – ignorierend, fragte ich verunsichert: „Haben Sie den Report gelesen?“ Als Antwort presste ein weiterer Teilnehmer der Runde ein unwirsches „Nein“ heraus. Wir waren wie vor den Kopf gestoßen. Was war da los? Die Atmosphäre wurde immer eisiger bis es aus einem unserer Gesprächspartner herausbrach: „Wieso greifen Sie uns an, Spekulation ist doch überhaupt nicht wichtig, es gibt schließlich viel gravierendere Probleme!“ Das hatten wir nun wirklich nicht erwartet: Statt fachlich fundierte Argumente auszutauschen, suhlten sich die Bankenvertreter in Befindlichkeiten.

Um eine Illusion ärmer traten wir nach dem nur einstündigen Gespräch unseren Heimweg nach Berlin an. Dort stellte sich heraus, dass der Ablauf des Geheimtreffens kein Ausrutscher war. Die Deutsche Bank rückte von ihrem Zeitplan, den foodwatch Report bis Ende Januar 2012 zu prüfen, ab und stellte eine umfassende Studie zu dem Thema in Aussicht – Fertigstellung Ende des Jahres 2012.

Lieber Thilo Bode, was erwarten Sie sich von einem Institut wie jenem der Deutschen Bank (siehe dazu z.B. auch meinen Artikel “Der Fonds Kompass Life 3 der Deutschen Bank: Rien ne va plus oder Alles auf Tod“)? Einen modernen Rütlischwur mit dem Gelöbnis auf Besserung. Die eidesstattliche Versicherung, sich vom bösen nahrungsmittelspekulierenden deutschen Vogt zum glorifizierten Finanzinstitut mit altruistischer Garantiebestätigung zu wandeln. Schauen Sie sich den Geschäftsbericht per 31.12.2011 an: “Die Zahl unserer Aktionäre erreichte 2011 einen neuen Höchststand. Sie wuchs im Jahres ultimovergleich um 19 766 auf 660 389 (2010: 640 623).” Eindeutige Fakten, eindeutige Direktiven, eindetuige Vorgaben. Mehr als 660 000 nimmersatte nimmermüde Menschen, deren Hunger nach Mehr befriedigt werden muss. Streubesitz, der durch Streubomben sein Auskommen finden muss. Globale Aktienpakete, die nur durch globale Hungerskatastrophen schmackhafte Renditen versprechen. Künstliche Verknappung auf der einen Seite schafft profitable Vergrößerung auf der anderen Seite. Kein Nullsummenspiel, keine Milchmädchenrechnung, kein Gefangenendilemma. Die Deutsche Bank ist nicht ein System Josef Ackermann oder in Zukunft Anshu Jain, sondern ein System aus mehr als 600 000 Josef Ackermännern oder Anshu Jains. Und täglich werden es mehr. Wie jene Milliarde Hungernden, welche Teil dieses Problems sind. Halt! Nein, natürlich nicht. Schließlich gibt es nach Auskunft eines am Gespräch Teilnehmenden wesentlich wichtigere Dinge und gravierendere Probleme als spekulative Geschäfte. Ende 2011 waren dies genau 660 389. Und tagtäglich werden es mehr.   

Die Hölle? Nein, nicht die Deutsche Bank ist die Hölle. Allenfalls ein alles verzehrendes Fegefeuer der finanziellen Eitelkeiten. Die Hölle sind wir, welche dazu beitragen, dass dieses Feuer lichterloh brennt. Satanische Verse? Nein, die Deutsche Bank schreibt solch aufregende Dinge nicht. Allenfalls teuflische Kritzeleien in endlos langen Zahlenkolonnen. Le Dialogue aux Enfers? Nein, auch solche Gespräche werden nicht in den guten Stuben der Deutschen Bank geführt. Allenfalls von Machiavelli und Montesquieu. Und die sind längst schon tot. Die Deutsche Bank berichtet höchstens über schwarze Zahlen. Bilanzielle Totengräberstimmung im Reich des Irdischen sozusagen. Ein rotes Tuch? Nein, die Deutsche Bank ist kein rotes Tuch. Sie verwendet allenfalls blutrote Tinte für schwarze Zahlen. Der Geschäftsbericht 2012? Allenfalls ein Stück Papier. Und das ist bekanntlich geduldig. Aber sicherlich früher fertig als die in Aussicht gestellte Studie.

Lieber Thilo Bode, was erwarte ICH mir von der Deutschen Bank. Ehrlich gesagt: Nichts!

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